Liebe Besucher*innen,

ich heiße Sie herzlich willkommen! Koordinaten des Anderen – unter diesem Motto steht unsere erste Spielzeit an der Staatsoper Hannover. Wenn man auf Neues trifft, setzt man sich mit dem Unbekannten und dem Anderen auseinander. Eine Situation, in der wir uns in einer hochmobilen Welt oft wiederfinden. Dabei helfen uns Koordinaten, uns zu  orientieren, und dienen als Bezugssystem. Sie definieren einen Raum, in dem wir unsere Emotionen und Reaktionen verorten und verstehen.
    Niemand kann Kontinuitäten, Nationalsprachen und Kulturgeografien leugnen, aber Angst und Vorurteil wären die einzigen Gründe, weiterhin auf ihrer Trennung zu bestehen. Es ist lohnender – wenn auch schwieriger –, konkret und mitfühlend, kontrapunktisch, über andere nachzudenken als nur über „uns“.
    In einer Welt im stetigen Wandel, in der uns vor Veränderung oftmals schwindelig wird, hilft uns jegliche Bestandsaufnahme – und durch die Betrachtung des Anderen verstehen wir besser, wer wir sind und wo wir uns befinden. So haben wir in dieser ersten Spielzeit die Möglichkeit, uns gegenseitig kennenzulernen und zu befragen. Auf den gemeinsamen Dialog in der persönlichen Begegnung mit Ihnen freuen ich und mein Team uns besonders. Unser Spielplan ist dazu Angebot und Einladung, Frage und Gesprächsgrundlage.
    In einer immer diverser werdenden Gesellschaft ist ein Staatstheater verpflichtet, diese Gesellschaft in der Vielfalt der Kunst widerzuspiegeln. So erleben Sie unterschiedlichste Handschriften von Künstler*innen – verschieden in ihren Interessen und ihrer Herangehensweise. Offenheit für das Andere, nicht nur Toleranz, sondern Neugierde auf das Fremde, Vielfalt als Chance für die Gesellschaft steht bei allen Neuproduktionen von Oper und Ballett sowie in unseren Konzerten im Vordergrund.
    Wir beginnen mit einer „Grand Opéra“, die die Fähigkeiten aller Abteilungen unseres Hauses zum Strahlen bringt – mit opulenten Kostümen, großem Bühnenbild und Orchester sowie stimmstarken Sänger*innen auf der Bühne. La Juive handelt von Machtmissbrauch und dem Schüren von gegenseitigem Hass in der Gesellschaft und wurde von Künstlern geschaffen, deren Bestreben es war, das Opernhaus als Forum für Diskussion zu etablieren.
    Für unsere Ballett-Compagnie haben wir einen Choreografen mit einer starken eigenen Handschrift gesucht, der Kunst für das 21. Jahrhundert kreiert. Mit Marco Goecke als neuem Ballettdirektor ist uns genau dies gelungen: einen Künstler zu finden, der mit großem Herzen von unserer Zeit erzählt. Auch in der Oper setzen wir auf eine kontinuierliche Arbeit zwischen dem Ensemble und einer Regisseurin. Mit der jungen, bereits preisgekrönten Barbora Horácková haben wir eine Hausregisseurin mit poetischem und weiblichen Blick auf die Opernstoffe.
    Auch in den Sinfoniekonzerten haben Sie Gelegenheit, neue musikalische Handschriften kennenzulernen – mit Dirigent*innen aus verschiedenen Ländern und Kulturen am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover. Die Junge Oper ist für uns integraler Bestandteil der Staatsoper – junge Sänger*innen auf der großen Bühne, erfahrene Sänger*innen, die für ein junges Publikum auftreten, und Babys im Opernhaus. Mit Konzerten, szenischen Projekten und einem Musical für eine Darstellerin bieten wir Programm für Erwachsene im Ballhof.
    Wir freuen uns auf zwei besondere Vorhaben, für die wir bereits Kooperationspartner*innen in der Stadt gefunden haben – und hoffen, diese Vernetzung noch zu erweitern. Mit der Reihe Stimmen wollen wir Ihnen die Ohren öffnen für Gesangsstile und -formen aus der ganzen Welt und das Singen an sich feiern. Die Vorstellung Platons, dass der Mensch das Singen begann, um Zwist und Aggression durch Harmonie zu beschwichtigen und den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu befördern, mag eine poetische Vorstellung sein – wir glauben, dass darin Wahrheit steckt.
    Darüber hinaus wollen wir jedes Jahr eine Auszeit nehmen und mit Ihnen und Partner-Institutionen intensiv über ein Thema der Spielzeit nachdenken. In dieser Spielzeit heißt dieses kleine Festival Passionen.
    Die Begegnung mit dem Anderen bedeutet für uns auch den offenen Dialog in unserer eigenen Institution. Wir bündeln unsere Kräfte mit dem Schauspiel und zeigen als erste Koproduktion eine Uraufführung: Der Mordfall Halit Yozgat ist eine Oper für Sänger*innen und Schauspieler*innen, in der akustische Klänge mit digitalen zusammenkommen. Begleitprojekte hierzu geben Jugendlichen die Chance, die Entstehung eines neuen interdisziplinären Projekts hautnah mitzuerleben.
    Ein Herzensanliegen von mir können wir bereits in dieser Spielzeit umsetzen: Wir haben das Angebot für Familien erweitert, so dass junge Menschen außerhalb des Schulkontexts Oper, Konzert und Tanz gemeinsam mit ihren Lieben kennenlernen können – in ihrer Freizeit!
    Oper, Konzert und Tanz sind Kunstformen, bei denen wir uns in einem „Gefühlsraum“ treffen, in den uns Künstler*innen aus der ganzen Welt, die an die Staatsoper kommen, entführen, um jeden Abend ein sinnliches Erlebnis zu schaffen. Die neuen und bekannten Künstler*innen, die bei uns arbeiten, kommen aus allen Ecken der Welt. Sie bringen ihre eigene Denkweise und ihre Persönlichkeit in das neue Team ein. Der Fotograf Sven Marquardt hat die Gesichter, die sie auf der Bühne erleben werden, eingefangen. Seine Bilder geben einen Einblick in die Seele des Theaters.
    Wir danken unseren Kolleg*innen, Freund*innen, Partner*innen und Förder*innen für das herzliche Willkommen und freuen uns auf den gemeinsamen Weg, der jetzt beginnt.
Wir laden Sie, liebes Publikum, herzlich ein, die Diversität und Virtuosität unseres Hauses kennenzulernen, und sind neugierig auf den lebendigen Austausch mit Ihnen.

 

Ihre Laura Berman